Reiberei

Spätabends zerfloss Stunde um Stunde im diffusen Abendlicht,
berieselt von kecken Schlauheiten und angeschnittenen Geschichten.
Der Bewanderung deiner Stimme folgte ich gütig,
auch wenn sie mich häufig von meinen Lebensinhalten abbrachte,
mich aufhielt vom Geschehen und vom Machen.
Ich begegnete dir selbst dann mit Achtung,
wenn du dich in Anklagen an die Welt verlorst.

Ah da,
zwei vermeintliche Kopfmenschen,
aber der eine bestimmt rational und die andere duldsam relational.
Wir erzählten uns von dem, was der andere verpasst hat
in seiner Sichtweise von Allem
und dem bisher Erlebten.

Plötzlich warst du da und sagtest, du wolltest bleiben.
Und genau das warf eine unteilbare Menge an Fragen auf,
die mit gelassenem Bedenken nicht sogleich beantwortet werden konnten.

Retour,
abgetaucht in lebendiges Wasser
in einem freiheitserfüllten Moment.
Die Stille des Bergmassivs umarmte unsere Stimmung wohlwollend.
Und als wir dalagen zwischen verschiedenen Tönen von blau, grau und grün,
baute sich mein Gehirn ein reizendes Bild.
Ich wusste, dass es soetwas in sich barg, wie eine Regung.
Da war solches, das ich lange und tief vergraben hatte
und das dort zaghaft schlummerte.
Und da, da bewegte es sich.
Ganz leicht.
So neben dir und in deiner Anwesenheit.

Und es musste keine Deutlichkeit haben,
keinen klaren Sinn ergeben
und es war auch in Ordnung,
dass es schon sehr bald sehr weh tun würde.
Die Bereitschaft aufzumachen, braucht Mut,
sich auszusprechen und zu zeigen ist ein Risiko.
Der andere trägt die Verantwortung dafür nicht,
aber er entscheidet, wie behutsam er damit umgeht,
mit dem zaghaft Offengelegten.
Er entscheidet, ob er es hält, oder be-handelt,
ob er findet, es bedürfe Korrektur oder mache den anderen
eben gerade ganz schön.


Menschen kann man nicht behalten,
manches passt nicht zusammen,
verlieren gehört zum Leben dazu.
Du hast recht, das ist richtig und:
ich weiss.
Und ich darf das trotzdem schade finden.
Und ich darf trotzdem zwangsläufig betrübt sein,
manchmal bis zum funktionellen Stillstand,
manchmal nur ganz still seufzend, stundenlang.
Denn du warst jemand für mich.
Du hast mich daran erinnert,
wie bedeutend ich für mich bin.

Kein wahrhaftig intolerabler Druck.
Du musstest nie zu,
oder neben mir stehen, denn ich tu’s
längst.

Ich könnte jetzt mit dir kriegen,
ein Teil von mir hat auch Lust dazu,
denn da gab es erschreckend Bängstigendes,
unverhohlen Gemeines, das gegen mich ausgelebt wurde
an Stellen der vollsten Verwundbarkeit.
Dass ich mich davor in Schutz nehmen musste,
was behauptete, mich lieb zu haben,
ist übelst bitter.
Aber ich überlebe selbst dich.
Dich, der ganz genau wusste.
Und weigere mich eindeutig,
von meiner für Umsichtige deutlich auffindbare Linie abzuweichen,
zu erhärten,
zu gewinnen.
Ich brauche nicht zu gewinnen,
was mich direkt oder indirekt zum Verlieren zwingt.

Ich übe die schmerzende Enttäuschung herein zu bitten.
Nicht weil es sich gut anfühlt,
verletzt zu werden,
sondern weil
ich die strahlenden Momente nicht hergeben,
nicht auslassen möchte.
Ich möchte das ganze Leben,
alle Irrtümer, alle Achterbahnfahrten,
alle Dummheiten.
Ich brauche keine Perfektion,
sondern Fülle.
Zum Scheitern verurteilte Versuche,
die man Chancen nennt.

Ja, und das bin ich.
Die, die flüchtige Momente am Schopf packt,
hoffnungsvoll sprudelt,
zielunabhängige Möglichkeiten findet,
sich fürs Unüberlegte nicht zu schade ist,
sich einlassen will,
gern zuunterst ins Tiefe eintaucht,
lange und fest träumt,
und trotzdem Grenzen verteidigt.
Grenzenlosigkeit ist nicht das Ziel,
sondern eine Perspektive,
eine Lebensphilosophie mit eigenen Ansprüchen.
Und egal was sonst noch alles zwischen uns nicht stimmte,
in dessen missverständlichen Interpretation
lag vielleicht unsere grösste Diskrepanz.

xxj



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